Mirijam-Bräuer-Schreibworkshop-3

Über Superlative und das Abhaken von Träumen

Gedanken zur stillen Jahreszeit

Unlängst war sehr viel los auf meinem Smartphone. Aus aller Welt trudelten, begleitet von einem hellen „Kling“, unbestechlich schöne Bilder ein. Herbstferien. Zu Hause waren die Straßen leer. Alle stauten sich zum Flughafen, drängten zum Bahnhof oder liefen in ihrer, in die Ferne drängenden Not, zum Flixbus. Nur wir nicht. So kam es uns zumindest vor. Draußen unnötig warm, eine leergefegte Stadt, bloß noch das lästige Lärmen der kleinen Rollkoffer, die neuerdings zum Verreisen bevorzugt werden, um bei der Ankunft Zeit zu sparen, im Ohr. Allerheiligenschein über uns. Es kommt die stille Zeit. 

Zurück zu den Nachrichten auf meinem Smartphone. Ich habe virtuell Südafrika, die Malediven, Marokko, Venedig, London, Madrid und San Francisco bereist. Allein das Ansehen der Bilder hat mich müde gemacht. Ich reise auch gerne.  Doch eine leise Überforderung schleicht sich in mein Herz. Schneller, weiter, schöner, MEHR. Die beängstigenden Superlative unserer Zeit stehen wie mahnende Verkehrsschilder, die das richtige Tempo einfordern, vor unserer Tür. Sie flüstern uns zu: „Willst du was erleben, oder bist du ein Stubenhocker? Wie viele Städte hast du schon bereist in diesem Jahr? Kannst du noch mitreden? Wie stehts um deinen Insta-Account? Wohin geht der nächste Trip? Sind die Schuhe vom Vorjahr? Und wann machst du endlich die neue Falte auf der Stirn weg?“ 

Stille Zeit. Halloween-Monster überall. Sind sie Sinnbilder einer Zeit, in der wir das Wesentliche immer mehr aus den Augen verlieren? Leben wir für uns oder für andere, für ein erträumtes Bild von uns? Kaufen wir, was wir brauchen, oder was die Welt uns vorsagt? Folgen wir unseren Träumen oder haken wir bloß nüchtern die erfüllten fremdbestimmten Träume ab? Wo wollen wir noch hin, wenn wir schon überall waren? Was suchen wir noch, wenn wir schon alles im Schrank haben? Wonach gelüstet uns noch, wenn wir gar nicht mehr den Hunger spüren? Wovon träumen wir noch, wenn jeder Traum erfüllbar ist?

Viele von uns haben schon die Notbremse gezogen. Viele von uns haben sich schon entschlossen, die Langsamkeit zu entdecken, die Achtsamkeit im eigenen Tun zu finden. Viele von uns sehen bloß noch diesem wilden Treiben nach mehr zu, und machen nicht mehr mit. Altmodisch anmutende Werte, welche jedoch gerade in dieser Zeit für den Erhalt unserer Gesellschaft wesentlich sind, weisen uns wie Leuchttürme im Sturm einen Weg: Freunde treffen, aufrichtige Gespräche führen, Zeit mit der Familie verbringen, spielen. Ruhe zum Nachdenken und Spüren finden. Nach draußen gehen und dem Vergehen der Natur zusehen, den letzten goldenen Blättern nachwinken, die der warme Novemberwind davonbläst. Das Smartphone abschalten. Das alles kostet nichts. Das alles ist vielleicht kein großer Lebenstraum. Doch es füllt unser Leben mit Sinn. 

Möge Ihre „Stille Zeit“ abseits der viel zu früh erleuchteten Lichterketten eine wahre „Stille Zeit“ sein, wünscht Ihnen 

Ihre Mirijam Bräuer

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